Wer lebt denn alles in der Doppelhaushälfte des Le Corbusier Hauses in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart?

Na klar, auf den ersten Blick sind es vor allem die fünf Studierenden die dort eine Wohngemeinschaft gebildet haben. Sie fallen zuerst auf, aber mit weiterer Betrachtung stellt sich heraus, dass sie defintiv nicht die einzigen sind, die dort leben. Da sind noch die verschiedenen Topfpflanzen, in fast jedem Zimmer mindestens eine, von Kaktus über Monstera bis hin zur delikaten Orchidee ist alles dabei. Auch die Kräuter in der Küche leben hier. In den Pflanzentöpfen leben kleinste Insekten und Microorganismen, wobei andere Lebewesen im ganzen Haus leben, jedoch oft einfach unsichtbar. Die Unsichtbarkeit ist oft auch ein Schutzmechanismus, da nicht alle Entitäten gleich geduldet oder gewünscht werden, wie andere. Aber das bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt oder das man auch kein aktives Zusammenleben mit ihnen führen könnte. In der Wohngemeinschaft liegen oftmals ein paar Krümel in der Küche auf dem Boden, worüber sich die anderen sehr freuen. Ob es den Studierenden so bewusst ist, wie viele Mitbewohner sie eigentlich haben? Vermutlich erstmal nicht. Denn damit das Haus zu einem fairen Ort für diese Koexistenz werden kann, sollten vielleicht ein paar Umbaumaßnahmen vorgenommen werden. 

Es ist eine sehr romantische, geradezu utopische Vorstellung, dass alle Entitäten friedlich und harmonisch im Einklang miteinander leben, besonders auf Dauer. Das Leben in Koexistenz kann auch schnell in eine distopische Realität umschlagen, wenn bspw. ein extremes Ungleichgewicht entsteht, oftmals unbewusst von den letztendlich leidtragenden Entitäten ausgelöst. Ein prominentes Beispiel dafür findet sich in einer Studierenden Wohngemeinschaft oftmals im Badezimmer.

Im Bad breitet sich manchmal der Schimmelpilz aus, da sich oft niemand verantwortlich fühlt, auf regelmäßiges lüften nach dem duschen zu achten. Dabei stellt sich die Frage, ob der Schimmelpilz genauso seine Lebens- und Darseinsberechtigung hat bzw. wer am Ende mehr Recht auf Leben hat. Denn während es klar ist, dass ein Zusammmenleben von allen Entitäten nie konfliktlos verlaufen wird, gibt es Kombinationen, die zwangsweise auf die „Zerstörung“ des Einen zum Weiterleben des Anderen hinauslaufen. So ist es beispielsweise bei Schimmelpilz und nahezu allen anderen Entitäten. Im Anfangsstadium ist ein nebeneinader koexistieren durchaus möglich, aber es stark zeitlich begrenzt, irgendwann breitet sich der Schimmel mehr aus, befällt weitere Baussubstanz, Pflanzen, Möbel und vor allem auch in die Luft, von wo er schließlich in die anderen Entäten eindringt und zu starken Gesundheitsproblemen oder sogar dem Tod führen kann. So ein distopisches Szenario zeigt, dass eine totale Koexistenz aller Entitäten schlichtweg nicht dauerhaft möglich zu sein scheint, da es Entitäten gibt, die andere einnehmen oder zerstören, um sich selbst ausbreiten zu können und weiterzuleben. Der Mensch gilt durchaus auch als eine solche Entität, die sich selbst höher ansieht und sich damit das Recht nimmt, sich auf Kosten anderer auszubreiten. Der Schimmel macht das nicht mutwillig unserem Verständnis nach, jedoch ist es das gleiche Prinzip. Das Ergebnis ist deshalb nunmal, dass mindestens Einer verlieren muss, damit mindestens ein Anderer gewinnen kann, und damit wird es niemals ausgeglichen sein. 

Das heißt auch nicht, dass der Schimmelpilz an sich keine Lebensberechtigung hat, jedoch kann er solch einen Schaden für die anderen Entitäten anrichten, dass diese ihn zu ihrem Schutz kontrollieren und eingrenzen müssen. 

Es gibt jedoch auch mehr als genug Kombinationen von Entitäten die durch Kompromisse wunderbar zusammenleben können. Kompromiss ist hier das Schlagwort. So gibt es zwar einigen Spezies die potenziell die Macht dazu hätten, sich über alle anderen zu stellen und diese zu verdrängen, jedoch tun sie es nicht, da die Koexistenz gesund und wichitg für alle ist. Damit diese jedoch auch von langer Dauer ist, müssen alle eben lernen nicht sich selbst immer an erster Stelle zu sehen, sondern auch zu verzichten, damit es der Allgemeinheit besser geht. Wenn eine Topfpflanze also besonders viel Tageslicht braucht, dann muss der Mensch auf einen Teil seiner Fensterfläche verzichten, bekommt jedoch durch die Pflanze ein besseres, sauberers Raumklima. So ist es ein gegenseitiges Geben und Nehmen, nicht immer 50/50. Dazu gehört auch ein gegenseitiges Verzeihen lernen. 

Oftmals gibt es nur die utopische Vorstellung von einer friedlichen Koexistenz zwischen allen Entitäten, die ja auch durchaus einen wahren Kern haben kann, jedoch eben nicht die einzige oder dauerhafte Entwicklungsmöglichkeit ist. Aber es kann mit Sicherheit auch sehr schön sein und einem selbst ein gutes Gefühl vermitteln, dass man anderen, teils schutzlosen Lebewesen, einen Platz bietet, der oftmals sowieso ungenutzt ist, zB. bei Spitzdächern die Dachgauben für Fledermäuse aufbereiten. Sowas ist aber natürlich auch immer abhängig davon wie das jeweilige Haus aussieht, welche Möglichkeiten sich da bieten. 

Bei dem Haus Le Corbusier handelt es sich nunmal um ein Flachdach, jedoch könnte man auch hier auf dem Dach künstliche Höhlen schaffen für, beispielsweise Fledermäuse. Genauso gibt es im Erdgeschoss einen von außen zugänglichen Raum, den man umwandeln könnte, dass sich andere Entitäten dort ausbreiten und sich einen geschützten Lebensraum schaffen könnten.

An der Außenfassade gibt es viel Platz für Unterschlüpfe aller Art für viele kleine Entitäten, wie Insektenhotels, aber auch für größere, wie Vögel. Im Erdgeschoss wurden zwei Räume aufgelöst und renaturiert, um einen geschützten Raum für viele Entitäten zu bieten, der auch speziell für sie reserviert ist. Dort können sie sich frei entfalten und untereinander klären, wie die Koexistenz abläuft. Auch die Dachterrasse wird begrünt und bekommt ein, durch Regenwasser gespeistes, Wasserbecken und bietet viele Rückzugsorte für alle Entitäten. Das heißt nicht, dass die Dachterrasse für Menschen nicht mehr benutzbar sein soll, aber mit Einschränkung und Rücksicht auf alle anderen Entitäten.

Es gibt mit Sicherheit noch viel mehr Umbaumaßnahmen, die man tätigen könnte, um das Doppelhaus zu einem perfekten Ort für die Koexistenz aller Entitäten zu machen, jedoch ist das erstmal ein guter Start.