In einer Zeit, in der Architektur und Stadtplanung vor enormen ökologischen Herausforderungen stehen, wächst die Einsicht, dass die konventionell anthropozentrische Perspektive nicht mehr ausreicht. Die traditionelle Baukultur, die seit Jahrhunderten auf den Menschen als alleinigen Maßstab fokussiert ist, hat weitreichende Konsequenzen für natürliche Ökosysteme: Lebensräume werden zerstört, Ressourcen ausgebeutet, und die globale Biodiversität leidet. Um eine nachhaltigere Zukunft zu gestalten, muss Architektur über den Menschen hinausdenken und ein Konzept entwickeln, das die wechselseitigen Abhängigkeiten aller Spezies anerkennt.

Das japanische Konzept des Tomo-iki, was so viel wie „Leben in Symbiose“ bedeutet, bietet hier eine inspirierende Grundlage. Diese buddhistisch geprägte Philosophie betont, dass alles Leben miteinander verbunden ist und voneinander profitiert. Dr. Benkyo Shiio, ein Wegbereiter dieses Gedankens, schrieb: „Leben ist kein isoliertes Streben, sondern ein symbiotisches Miteinander, das alle Existenzformen umfasst.“ Ein solcher symbiotischer Ansatz könnte die Architektur dazu bewegen, eine neue Beziehung zwischen Mensch, Natur und gebauter Umwelt zu schaffen. Gebäude könnten zu Ökosystemen werden, die nicht nur den menschlichen Bedürfnissen, sondern auch denen von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen gerecht werden. Beispielsweise könnten Fassaden begrünt, Nistplätze integriert und Gebäudehüllen so gestaltet werden, dass sie als Lebensraum für verschiedene Arten dienen.

Dieser Paradigmenwechsel ist eng verbunden mit der Idee eines Übergangs von der „Ära der Maschine“ zur „Ära des Lebens“. Im 20. Jahrhundert prägten mechanistische Weltbilder die Architektur. Philosophen wie Descartes und Kant propagierten ein dualistisches Denken, das Geist und Materie, Mensch und Natur voneinander trennte. Dieses Denken führte zu einem Zeitalter, in dem Funktionalität und Rationalität im Vordergrund standen, wie Le Corbusiers berühmte Aussage „Das Haus ist eine Maschine zum Leben“ verdeutlicht. Doch das rein funktionale, technikzentrierte Weltbild hat seine Grenzen erreicht. Heute fragen Architekt:innen und Philosoph:innen: Wie können wir die Verbindung zwischen Mensch und Umwelt neu denken?

Kisho Kurokawa, ein führender Denker des Metabolismus und Begründer der „Philosophie der Symbiose“, erklärte: „Die nächste Ära der Architektur wird nicht von Maschinen, sondern von der Lebendigkeit und Vielfalt des Lebens geprägt sein. Gebäude sind keine isolierten Objekte, sondern Teil eines Kreislaufs, in dem sie mit ihrer Umgebung kommunizieren.“ Die „Ära des Lebens“ fordert eine Abkehr vom linearen, mechanischen Denken hin zu organischen und dynamischen Ansätzen. Architektonische Konzepte wie die morphogenetische Architektur, die biologische Prozesse und Algorithmen nutzt, zeigen, wie Gebäude adaptiv und lebendig gestaltet werden können. Hierbei geht es nicht nur um Ästhetik, sondern um die Schaffung von Strukturen, die Teil eines größeren ökologischen Systems werden. Die Analogie zur Natur wird dabei nicht nur metaphorisch verstanden, sondern als Grundlage für Design und Funktion genutzt – ähnlich wie in der alten Vorstellung, dass Städte wie lebendige Organismen funktionieren.

Die Verbindung von Philosophie und Architektur spielt dabei eine entscheidende Rolle. Der buddhistisch inspirierte Ansatz der Consciousness-Only Philosophy, wie er in Japan in die Architektur integriert wurde, erinnert uns daran, dass das Bewusstsein selbst ein Fundament für nachhaltiges Bauen sein kann. „Das Wesen des Bewusstseins ist es, zu erkennen, dass nichts unabhängig existiert. Jede Existenz steht in Beziehung zu allen anderen“, schrieb Kurokawa in seinem Buch Philosophy of Symbiosis. Es ruft dazu auf, Gebäude nicht isoliert, sondern als Teil eines umfassenden Netzwerks von Beziehungen zu verstehen. Ein solcher Ansatz führt zu einer Architektur, die nicht nur ökologisch nachhaltig, sondern auch kulturell und spirituell reich ist.

Die Herausforderung der heutigen Zeit besteht darin, Architektur nicht nur funktional und ästhetisch, sondern auch ethisch zu gestalten. Eine multispeziesfreundliche Baukultur, die den Gedanken des Tomo-iki aufgreift, könnte der Schlüssel sein, um eine neue Balance zwischen Mensch und Natur herzustellen. Indem wir die Trennung zwischen „gebauter“ und „natürlicher“ Umwelt überwinden, können wir Gebäude und Städte schaffen, die nicht nur Leben ermöglichen, sondern Leben fördern – für alle Spezies. Kurokawa fasste diesen Gedanken treffend zusammen: „Architektur ist nicht nur ein Raum zum Leben, sondern ein Ausdruck unserer Verantwortung für die Welt, die wir teilen.“

Buchreferenzen:

Essay von Kicho Kurokawa: From the age of the machine to the age of life

Research article: https://de.scribd.com/doc/47408681/Kisho-Kurokawa-The-Philosophy-of-Symbiosis

Research article: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2095263518300013

*Die Zitate von Kisho Kurokawa und Dr. Benkyou sind keine Wort für Wort übersetzten Zitate, sondern sind zusammengefasste Zitat